Aggressive Margin
Wenn wir uns zu einem wettkampftauglichen Spieler entwickeln wollen, gehen wir in der Regel erstmal den Weg, unsere Fehlerquote zu verringern und arbeiten mehr oder weniger intensiv daran, unsere aggressive Seite zu entwickeln, also die Fähigkeit, aktiv den Punkt durch gute Schläge zu erzwingen anstatt auf den Fehler des Gegners zu hoffen.
Es gibt zwar die Redewendung "Wer wagt, gewinnt", doch steht dem gegenüber "Wer riskiert, verliert".
Die nimmermüden fitnessorientierten Tennisspieler/innen, die jeden Ball wieder ins Feld zurückspielen und von den Fehlern ihrer Gegner profitieren, repräsentiert den risikoscheuen Spielertyp, den wir als Sammler bezeichnen können. Als Sammler schaffen es viele Spieler/innen, sich eine einstellige Leistungsklasse zu erarbeiten. Es ist aber schwer für sie, diese LK langfristig zu halten.
Richtig gut wird nur ein mutiger Jäger. Bis ein Jäger aber so gut ist, dass er einen guten Sammler schlagen kann, vergehen Jahre - zermürbende Jahre unzähliger verlorener Matches gegen Sammler. Wer diese Zeit durchlaufen hat und schließlich in der Lage ist, das Blatt zu wenden, hat mentale Stärke bewiesen, die eine notwendige Grundlage für die Aufgabe ist, die nun folgt: das Siegen gegen gleichgute oder bessere Jäger.
Statistischer Grundgedanke
Als die uns bekannte TV-Statistik Anfang der 1980er von William R. (Bill) Jacobson und Leo Levin entwickelt wurde, war deren Grundlage die Feststellung, dass es nur zwei Varianten des Geschehens auf dem Tennisplatz gibt: entweder forcing (Druck ausüben) oder just in-play (den Ball im Spiel halten).
Daraus ergeben sich vier Varianten:
1. beide Spieler üben Druck aus
2. beide Spieler halten den Ball lediglich im Spiel
3. ein Spieler übt Druck aus und der Andere hält den Ball lediglich im Spiel
4. welcher Spieler Druck ausübt und welcher den Ball lediglich im Spiel hält, ändert sich im Laufe des Matches – die Rollenverteilung kann im Verlauf eines Matches mehrfach wechseln
Wenn ein Spieler in einem just-in-play-Ballwechsel einen Fehler macht, wird sein Fehler als unerzwungener Fehler bzw. unforced error bezeichnet. Das Gegenstück zu diesem Terminus ist logischerweise der forced error, der erwzungene Fehler. Eine Sondergruppe bilden dann noch die Schläge, wo ein Spieler seinem Gegner den Ball so ins Feld spielt, dass dieser den Ball nicht mehr berührt – diese Schläge sind winner.
Ein winner ergibt sich oft aus einem Ballwechsel, wo der eine den anderen Spieler unter Druck setzt und am Ende mit einem Schlag die Frucht seiner Vorbereitung erntet. Es kann aber auch vorkommen, dass ohne Vorbereitung ein so guter Schlag ‚aus dem Nichts‘ geschlagen wird, dass der Gegner nur noch chancenlos dem Ball nachschauen kann.
Die oben beschriebenen fettgedruckten fünf Begriffe beschreiben auf einer ersten Ebene vollständig das Geschehen auf dem Tennisplatz.
So einleuchtend die von Bill Jacobson und Leo Levin in die Tenniswelt gebrachte Beschreibung ist, so enthält sie doch einen Fehler, der bis heute nicht korrigiert wurde.
Ist Tennis ein Fehler-Sport ?
Obige Beschreibung beinhaltet zwei Varianten:
1. ein von forcing geprägter Ballwechsel endet entweder mit einem winner oder mit einem forced error,
2. ein von just in-play geprägter Ballwechsel endet mit einem unforced error.
Weil sich die Fehler-Summe aus forced error und unforced error ergibt, betrachten Tennis-Statistiker das Tennis-Spiel als Fehlersport - sie meinen, die Statistik zeige ganz klar, dass Tennis grob gesagt zu rund 70% aus Fehlern und zu rund 30% aus Gewinnschlägen besteht. Der prominenteste Vertreter dieser Botschaft ist Craig O'Shannessy:

(Quelle, die aktualisierte Webseite enthält nicht mehr den oben gezeigten Text)
Die Zweiteilung in errors und winners hat die Untergliederung unforced errors und forced errors zusammengefasst im Begriff errors. Gleichzeitig weist der letzte Absatz auf die Bedeutsamkeit der forced errors hin ("Forcing errors is the best way ....") - sie spielen also im Denken von Craig O'Shannessy eine wichtige Rolle, weil sie "the best way to construct a point" sind. Auf seiner aktualisierten Webseite heißt es: "The data shows that most singles points on the tennis court are won by forcing errors!"
Als Beleg hatte Craig eine prozentuale Aufteilung für forcing errors, winners und unforced errors genannt:

(Quelle, die aktualisierte Webseite enthält nicht mehr den oben gezeigten Text - das Adjektiv forced wird durch das Verb forcing ersetzt, vermutlich weil Craig auf den aktiven Charakter dieser Punkt-Kategorie hinweisen will).
Also:
Rund 40% Forcing Errors und rund 30% Unforced Errors (in Summe 70% Errors) stehen rund 30% Winners gegenüber.
Die durchschnittliche Erfahrung von Freizeit-Spielern in einem Tennisclub ist, dass sie deutlich mehr Fehler machen als Gewinnschläge zu spielen. Da vermutlich 99,9% der weltweiten Tennisspieler zur Gruppe der Freizeit-Spieler*innen gehören, erschreckt (fast) niemanden die Aussage, Tennis sei ein Fehler-Sport.
Anders ist es bei den (angehenden) Profis. Am 7. Januar 2017 sagte der Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann beim DTB-Kongress in Berlin:
„…, dass 7 von 10 Punkten mit einem Fehler beendet werden, das, glaube ich, ist eine massive Statistik, dass wirklich nur 3 Winner gespielt werden. Ich hab‘ jetzt 8 Monate mit dem Rudi Molleker gearbeitet; wenn Du dem das sagst, von 10 Punkten werden nur 3 Winner gespielt, der lacht Dich aus. Weil, der hat das Gefühl, er muss 7 Winner spielen, also genau das Gegensätzliche.“
Wer hat Recht - die "massive Statistik" oder das "Gefühl" eines angehenden Tennisprofis?
Oder ist vielleicht die Statistik falsch?
Tennis ist auch ein Winner-Sport !
Schauen wir genau auf die eben abgebildeten Grafiken, die früher auf der Webseite von Craig O'Shannessy zu finden waren, so können wir lesen, dass die Grundlage für seine Datenerhebungen Matches von Profis bei folgenden Turnieren waren:
2012 US Open
2015 Australian Open
2016 Wimbledon
2015 All 4 Slams (die Jahreszahl stammt aus einer anderen Quelle)
Es leuchtet unmittelbar ein, dass ein Profi weniger Fehler macht als Freizeit-Spieler'innen. Trotzdem nennt Craig O'Shannessy bezogen auf die 2015 Australian Open bei den Herren die Aufteilung "70% errors / 30% winners" (die errors sind die Summe der unforced errors und forcing errors) und für die Summe aller vier Grand Slams in 2015 zeigt sich bei den Herren die feinere Aufteilung 41% forcing errors, 32% winners, 27% unforced errors. Craig fasst diese Aufteilung in einem Workshop wie folgt zusammen (siehe Kapitel what matters, Oberhaching am 03.04.2020):

Craig verbindet die 41% forcing errors und 32% winners im Terminus "Aggressive Play", die übrigen Ballwechsel sind "Consistent Play" - damit ist er genau bei dem oben genannten Grundgedanken, der die Ballwechsel in forcing und just in-play aufteilt. Das Aggressive Play entspricht dem, was Leo Levin in einem Interview mit Craig in 2018 beschrieb:
Levin said the unforced error actually has very little to do with the shot. The focus is on the ball coming to the player who misses it.
“What we are trying to do is place the blame, first and foremost,” he said. “Any time there is a forced error, the preceding shot has to be an aggressive forcing shot.”
He added: “It gets complicated sometimes when you are looking at how hard was it hit, how much time did they have. The typical things we look for are pace of the previous shot, placement, both depth and angle, how far did the player have to run to get there, and also what direction was he going.”
So what’s the alternative? One answer is to just count winners and errors, no forced or unforced. Another is to throw away the current statistics and come up with something new to evaluate aggressiveness and consistency.
Levin suggested an “aggressive ratio,” which gives a player credit for forcing errors, rather than counting against the player who makes the error.
“That’s simply winners and forced errors that a player created,” he said. “A forced error is much closer to a winner than it is to an unforced error. An unforced error is a situation you are completely in control and you make the mistake.” (eigene Hervorhebung)
Was von Leo hier als "come up with something new to evaluate aggressiveness and consistency" beschrieben wird und dann den Terminus “aggressive ratio" erhält, entspricht dem, was sein früherer Mentor Bill Jacobson erdacht hat:
"The aggressive component is measured by “points won forcing” data – the player’s outright winners plus errors forced during a match.
The error component – those points given up freely – is measured by the player’s “unforced errors” data.”
Historischer Rückblick (USA)
Um die Qualität des Tennisspiels seines Sohnes zu verbessern, beschäftigte sich William R. Jacobson mit Statistik und entwickelte folgenden einfachen wie wegweisenden Gedanken: Addieren wir zu den Gewinnschlägen eines Spielers die Punkte, bei denen er seinen Gegner zu einem Fehler zwingt und subtrahieren davon seine eigenen leichten Fehler, dann wissen wir, wie gut er/sie gespielt hat.
Winners + Opponents forced errors - Your unforced errors
Das Geniale an dieser Aggressive Margin ist, dass aus einer einfachen quantitativen Erhebung eine qualitative Aussage abgeleitet werden kann.
Bill Jacobson nannte es auch “overall match control (margin of forcing shots won minus unforced errors)".
Generationen von Trainern haben sich bemüht, ihren Schülern die Vermeidung von Fehlern beizubringen. Das war und ist nicht falsch, aber nicht genug. Einen guten Spieler zeichnet aus, den Gegner zu einem Fehler zu zwingen.
In 2014 postete Craig O'Shannessy auf twitter eine kurze Nachricht

und er beantwortete die Frage wenige Stunden später:

Aber der forced error hat nicht die statistische Anerkennung erhalten, die er verdient.
Bill Jacobson gründete 1980 Sports Software Inc. und entwickelte den CompuTennis CT120:

Bill Jacobson poses with the original CT120 replica in his Los Altos office on Monday, July 27, 2015. The 78-year-old Los Altos Hills resident will be inducted to the NorCal USTA Hall of Fame for his instrumental role in the development of match statistics. (John Reid / Daily News)

In 1983, im Alter von 46 Jahren, stieß der 25jährige Leo Levin zu ihm. Die beiden arbeiteten einige Jahre zusammen bevor Leo Levin seinen eigenen Weg im Bereich der Tennis-Statistik ging.
Als Leo im Dezember 2020 verstarb, bekam er kurz darauf eine fragwürdige Anerkennung für seine Arbeit im Bereich der Tennis-Statistik:

In einem Nachruf der ITF wurde Leo eine Anerkennung für etwas ausgesprochen, das vermutlich Bill zuzuschreiben ist:
"In 1982 he coined the term ‘unforced error’, describing a shot which lands out or in the net when a player is not “under any physical pressure as a result of the placement, pace, power or spin of their opponent’s stroke.” The term, now ubiquitous in tennis analysis, was one of three outcomes Levin defined for any point, along with ‘winner’ and ‘forced error’. The concept of forced-versus-unforced errors ranked as one of his proudest achievements."
Wie kann es sein, dass Leo etwas zugeschrieben wird, dessen Urheber vermutlich Bill Jacobson ist?
In einem Interview mit Craig äußerte sich Leo nebulös: “That concept of forced and unforced errors kind of came into being around that time, and then I got hired on by a company that was starting to develop the first computerized stats system”.
Was meinte Leo mit "kind of came into being around that time" - kam das statistische Konzept womöglich von einer anderen Sportart?
Ein Artikel im Wall Street Journal des Jahres 2016 bestätigt das Nebulöse in der Aussage von Leo Levin - dort heißt es: "In tennis reporting, >>unforced error<< has been used since the 1920s to describe self-inflicted miscues on ostensibly easy shots. But the term did not gain much traction until the 1970s, according to Josh Chetwynd in his new book, >>The Field Guide to Sports Metaphors.<<"
Hoffentlich werden Zeitgenossen wie Andy Durham oder Steve Smith klarstellen, welche Rolle Bill Jacobson in der Entwicklung der Tennis-Statistik spielte.
Nachdem Bill bereits in 2015 in die USTA Hall of Fame aufgenommen wurde, hat Andy Durham sich die letzten Jahre dafür eingesetzt, dass er auch in die International Tennis Hall of Fame aufgenommen wird - seine Bemühungen werden womöglich belohnt. Angeblich wird er für 2027 Kandidat in der Kategorie Contributor sein, doch der nächste Termin für die Aufnahme in diese Kategorie ist erst im Jahr 2028, denn in dieser Kategorie findet die Ehrung im Zwei-Jahres-Rhythmus statt und die letzte Ehrung erfolgte im August 2026 an Mary Carillo.
Die Bekanntgabe der Kandidaten erfolgt im Oktober/November des Vorjahres - das wäre dann im Okt/Nov 2027.
Soweit das Wesentliche zur Historie, die in den USA zu beobachten war.
Mit Klick auf das folgende Bild gelangt ihr zu dem interessanten Video History of Tennis Analytics (3:40 bis 14:04 Min.):
Historischer Rückblick (Deutschland)
Parallel zu Bill und Leo arbeiteten in Deutschland verschiedene Personen an der statistischen Erfassung eines Tennis-Matches mit Computer-Unterstützung. Es gab keine Verbindung zwischen den Amerikanern und den Deutschen.
Man findet bei Karl Weber 1987 lediglich den Hinweis: „Über die computergesteuerte systematische Spielerbeobachtung im Tennis liegen bisher mit Ausnahme eines unveröffentlichten Manuskripts aus den USA (HALL, o.J.) sowie einer eigenen Publikation (WEBER u. BOCHOW, 1984) noch keine Ergebnisse vor.“
Der tennisspielende DSHS-Professor Karl Weber und der badmintonspielende DSHS-Dozent Wolfgang Bochow ließen von einem Ingenieurbüro nach ihren Vorgaben eine Software anfertigen, um diese dann mit einem Commodore-Computer und entsprechender Floppy-Diskette zu nutzen – sie waren die deutschen Pioniere.
Unabhängig vom Weber-Team gab es in den 1980er-Jahren die Arbeitsgruppe um den Informatik-Professor Jürgen Perl; er begründete die Sektion Sportinformatik in der dvs und die Internationale Vereinigung für Sportinformatik. Seine Arbeitsgruppe entwickelte damals das Tennis-Simulations-System (TeSSy). Ein Jahrzehnt später wurde darauf aufbauend ein Analysesystem für die Sportart Handball entwickelt.
Genaure Infos zur damaligen Entwicklung findet ihr hier (Teil einer Abhandlung aus dem Jahr 2016).
Ein Spieler, der in den 1980ern am Anfang seiner Karriere mit Video-Unterstützung trainiert hat, war Boris Becker:

Sein damaliger Verbandstrainer Boris Breskvar sagte über ihn:

