Profi-Tennis

Das Fernsehen transportiert in der Regel die Matches und den Glamour der Top-Profis. Doch dahinter sieht es ganz anders aus.

 


Ahmad Nassar, Exekutivdirektor der Spielergewerkschaft PTPA, sagte im März 2025 "Tennis ist kaputt" - damals wurde eine Klage gegen die ATP und die WTA eingereicht, der Prozess läuft noch.

Per Ende 2026 ist Hamburg die dominierende deutsche Stadt im internationalen Tennis, denn die künftige Nr. 1 des Herren-Tennis wird Alexander Zverev sein, und mit Tamara Korpatsch, Noma Noha Akugue, Eva Lys und Ella Seidel kommen vier der besten sieben deutschen Tennis-Damen aus Hamburg.

Zverev hat bei rund $ 74,5 Mio. erspielten Preisgeldern ausgesorgt und konnte eine Stiftung gründen, Korpatsch hat mit knapp $ 3 Mio. vermutlich mehr als ein Break-Even ihrer inzwischen 15jährigen Tenniskarriere erreicht, für Lys gilt mit rund $ 2,6 bei ihrer bislang 10jährigen Tenniskarriere das Gleiche, Akugue hat mit $ 0,6 Mio. bei ihren sechs Jahren auf der Tour vermutlich einen Break-Even und Seidel hat sich mit rund $ 1,1 Mio. in fünf Jahren vermutlich ein finanzielles Polster erspielt.

Es gibt einen großen Graben zwischen den Träumen und der Hingabe eines heranwachsenden Jugendlichen, der in der Regel aus Liebe zum Sport viel trainiert und deshalb seine Entscheidung für diesen Weg gegenüber seinen Mitschülern, die ein anderes Leben leben, nicht als Opfer empfindet. Es ist eine starke intrinsische Motivation, die sich mit der Formulierung Liebe zum Tennissport vermutlich am treffendsten beschreiben lässt.

Manchmal sind es allerdings die Eltern, die bereits einen Plan haben.

 


Der/Die Jugendliche weiß noch nicht, was auf ihn/sie zukommt, wenn die viele Arbeit tatsächlich auf ein Niveau führt, das die Tür in die Welt des Profi-Tennis öffnet - es sind die vier Ebenen des Turnier-Tennis: Future (ITF-Serie) - Challenger (125er-Turniere) - ATP-/WTA-Tour (250er bis 1000er-Turniere) - Grand-Slam-Turniere.

Hat das Training und das Drumherum bis dahin bereits mehrere hunderttausend Euro verschlungen, die von Eltern, Verwandten und ggf. auch von Sponsoren finanziert wurden, so ist das von vielen Reisen geprägte Tour-Leben mit hohen Kosten und geringen Einküften verbunden. Und ob sich diese Situation einmal ändert, weiß ein angehender Profi erst nach Jahren.

 


Das heißt, die ehemalige Liebe zum Tennis wird nun mit der nüchternen Lebensrealität eines Tennis-Pro konfrontiert. Wenn man diese große Zahl der unbekannten nicht im Rampenlicht stehenden Spieler/innen nach ihrem Befinden fragt, so ist die Antwort "Ich schlage mich durch" vermutlich die treffendste.

Letztlich geht es nur ums Geld - für die große Masse um das Geld zum Überleben und für die Top-100 um das Reiten der Welle, die von jeglichen Geldsorgen in der Zukunft befreit.

All die Tennisspieler/innen, denen es gelingt, durch Preisgelder und ggf. Werbeverträge ein Einkommen zu erzielen, das ihnen auch eine Rücklage für den Lebensabend gestattet, diese Tennisspieler/innen können tief durchatmen und wieder allein aus Liebe zum Tennis weiterspielen.

Funfact: es ist möglich, eine schlechtere Performance als im Vorjahr zu liefern und zudem weniger Turniere zu spielen und trotzdem finanziell besser abzuschneiden:

 


Der humorige Autor des Videos ist der brasilianische Tennisspieler Karue Sell, der in seiner inzwischen zehn Jahre währenden Profi-Tour gerade mal rund 90.000 USD erspielte und sein Tour-Leben mit seinem Youtube-Channel finanziert (inzwischen gibt es einige Tennisspieler, die es so machen).

Wettmanipulation

Nach Fußball (ein zweiter Link) ist Tennis die Sportart mit einer hohen Zahl von Wettmanipulationen, weil die meisten Spieler/innen nur wenig verdienen, der Wettbetrug einfach ist und die zuständige Aufsichtsbehörde nur wenig tut.

 


Der ausführliche Artikel zu dem Video-Teaser findet sich hier.

Missbrauch

Nachdem die katholische Kirche den sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen aufarbeiten musste, wurde sexualisierte Gewalt im Sport vor rund einem Jahrzehnt ein Thema , obwohl es bereits vor mehr als zwanzig Jahren Hinweise gab. Ein überraschendes Ergebnis einer Studie war, dass jede dritte Person von 1.800 befragten Kaderathleten im Spitzensport sexualisierte Gewalt erlebt hat. Auch im Breitensport ist das ein Thema. Inzwischen gibt es Ergebnisse einer Nachfolgestudie und aktuelle Aktivitäten.

Wie bereits in anderen Sportarten (Jugendfußball - Jugendfußball - Turnen - Turnen - Turnen - Leichtathletik - Judo) oder auch bei Theater und Film sowie in der Musik, gibt es auch im deutschen Tennis einen Vorfall, der durch die Medien ging. Ein Trainer und ehemaliger Vize-Präsident des DTB wurde des Missbrauchs beschuldigt. Der DTB hat sich in der Folge des Themas angenommen.

Depression, Angst und Stress

Auf einen anderen interessanten Aspekt verweist eine spannende Netflix-Doku aus dem Jahr 2021 - es geht um den Druck, den Profi-Tennisspieler/innen ausgesetzt sind. Bei Mardy Fish hat es zu einer schweren Angststörung und Depressionen geführt: Untold: Breaking Point

Das Veröffentlichungsdatum passt gut zu den anderen Ereignissen im Jahr 2021: Naomi Osaka beendet vorzeitig die French Open, Simone Biles sagt kurzfristig Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen ab, und die Gold-Schwimmerin Cate Campbell bekennt sich wenige Wochen nach ihrem Erfolg zu ihren Depressionen.

Für Interessierte, hier ein interessanter Beitrag des Deutschlandfunk zum Thema Depressionen. Und aus dem Wissenschaftsmagazin Spektrum ein Beitrag zur Wirksamkeitsforschung von Psychotherapien.

Die Hamburgerin Eva Lys stand zu Jahresbeginn noch in den Top 40 der Rangliste, Ende Oktober 2026 ist sie auf Platz 160 abgerutscht. Da wird verständlich, dass sie Geldsorgen hat. Hinzu kommen eine Verletzung und eine chronische Erkrankung. Zur Abrundung dieses schlechten Laufes kommen dann noch Hass-Kommentare und Todes-Drohungen in den sozialen Medien.

Rückzug am Karriere-Höhepunkt

Ein erfrischendes Gegenstück ist der überraschende Rücktritt der erst 25jährigen Ashleigh Barty am 23. März 2022 auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere. Folgerichtig veranlasste sie nur einen Tag später, die Löschung ihres Namens aus der Weltrangliste. Hier die letzte Rangliste mit ihr:

WTA-Rangliste


Der Wimbledon-Sieg im Jahr zuvor - 50 Jahre nachdem Evonne Goolagong Cawley als erste australische Aborigine in London gewonnen hatte - war eine Erfüllung Ihres Traumes ("which was my dream, the one true dream that I wanted in tennis"). Aber sie spürte, es fehlte noch etwas - und das war die Herausforderung der Australian Open. Zu Turnierbeginn sagte Barty: "Ich bin eine stolze Ngarigo-Frau. Eine sehr, sehr stolze indigene Frau", (Quelle)

Mit diesem Sieg war ihre Reise auf der WTA-Tour beendet.

"There was a perspective shift in me in this second phase of my career that my happiness was not dependend on the results and success for me is knowing that I have givin absolutely everything I can. I'm fullfilled, I'm happy and I know how much work it takes to bring the best out of yourself and I have said it to my team multiple times it's just that I don't have that in me anymore, I don't have the physical drive, the emotional want in kind of everything it takes to challenge yourself for the very top of the level anymore and I think I just know ..... physicly I have nothing more to give and that for me is success. I have given absolutely everything I can to this beautiful sport of tennis." (aus einem Interview mit ihrer Freundin und ehemaligen Doppelpartnerin Casey Dellacqua; Quelle) Hier das ganze Interview: